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Arbeitspsychologische Werkstatt
Mag.a Christine Haiden

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Blog 14. August 2016

Kann Arbeit psychisch krankmachen?


Die erste Studie zum Thema Arbeitsbelastungen und psychischen Beeinträchtigungen wurde von Kornhäuser und Kollegen 1965 in der Autoproduktion durchgeführt.

Seit der Kornhäuser Studie in den 60er Jahren wurde eine Vielzahl von Arbeitsbelastungen untersucht, die zu psychischen Beeinträchtigungen beitragen und in der arbeitswissenschaftlichen Literatur veröffentlicht wurden.

Die Bestimmung der Wirkmechanismen ist nicht einfach, weil die Höhe der Belastungen individuell unterschiedlich erlebt wird und auch objektiv unterschiedlich starke Beanspruchungen und physiologische Reaktionen nach sich zieht. Andererseits hängt die Wirkung der psychischen Belastungen von den aktuell vorhandenen Rahmenbedingungen und dem individuellen Bewältigungsverhalten ab.

Heute geht die Belastungs- und Beanspruchungsforschung von Wahrscheinlichkeitsmodellen aus. Es wird dabei davon ausgegangen, dass bestimmte psychische Belastungen mit einer erhöhten Gefahr verbunden sind, Stressreaktionen auszulösen und daher zu Stressfaktoren werden. Sie müssen nicht in jedem Individuum Stressreaktionen auslösen, sie werden aber als Bedingungen angesehen, die die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Stressreaktionen erhöhen. Falls bereits andere (somatische oder genetische) Risikofaktoren vorhanden sind, wird das Gesamtrisiko durch Akkumulation mit den psychischen Belastungen erhöht.

Belastung
Unter psychischer Belastung 1  versteht man „Die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken.“

Der Begriff der psychischen Belastung ist wertneutral zu verstehen. Er umfasst sowohl förderliche Einflüsse auf die Arbeitsfähigkeit und Gesundheit als auch Einflüsse, die sie beeinträchtigen als auch gefährden können.

Um den Arbeitsbelastungen gerecht zu werden, muss der Mensch seine unterschiedlichen Leistungsfähigkeiten einsetzen und diese beanspruchen (z. B. sein Gedächtnis, seine Sinnesorgane, seinen Muskel-Skelettapparat, etc.).

Beanspruchung
Die psychische Beanspruchung ist die „unmittelbare (nicht die langfristige) Auswirkung der psychischen Belastung im Menschen in Abhängigkeit von seinen jeweiligen überdauernden und aktuellen Leistungsvoraussetzungen, einschließlich der individuellen Bewältigungsstrategien 2.

Da die Leistungsvoraussetzungen individuell unterschiedlich sind, führt die gleiche Belastung je nach Person und Zeitpunkt zu einer unterschiedlichen Beanspruchung.

Die Auswirkungen der Beanspruchung können positiver (z. B. Arbeitsfreude, Verbesserung der körperlichen/geistigen Fitness, Motivierung, Kompetenzerwerb) oder negativer Natur (Verletzung des Muskel-Skelett-Apparates, Stresserleben, psychische Ermüdung oder psychische Sättigung) sein.

Die zwei Gesichter der Arbeit
Die Arbeit zeigt sich also in zwei Gesichtern (Lewin, 1920). Auf der einen Seite zeigt sie eine positive und stabilisierende Wirkung auf das Wohlbefinden und bietet Möglichkeiten zur Selbstentfaltung und zum Kompetenzerwerb (Arbeit möge die persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten nicht hemmen, sondern sie zu ihrer vollen Entfaltung bringen, Lewin 3 1920.)

Auf der anderen Seite zeigt sie sich als „Mühe, Last, Kraftaufwand..“ Die Klagen über Stress und Erschöpfungszustände durch die Arbeitsbelastungen steigen. Die Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund von psychischen Beeinträchtigungen und Erkrankungen nehmen in den letzten Jahren zu.

Daher stellt sich die Frage, welchen Zusammenhang es zwischen Arbeitsbedingungen und dem Entstehen von psychischen Erkrankungen gibt.

Die aktuelle Befundlage sieht so aus:
Von der BAuA wurde ein Forschungsprojekt zum Gefährdungspotenzial psychischer Belastungen durchgeführt, mittels einer Literaturanalyse zu Metaanalysen, Reviews und zu Studien zum Zusammenhang zwischen psychischen Arbeitsbelastungen und dem Entstehen von psychischen und somatischen Erkrankungen.

Die Auswahl der Arbeitsbelastungen orientierte sich an den gängigsten Stressmodellen der arbeits- und organisationspsychologischen Literatur, dem Job Demand/ Job Control - Modell von Karasek (1979), dem Effort Reward Modell von Siegrist et al. (1996), der Handlungsregulationstheorie von Hacker (1995, 2005), dem Konzept zur Emotionsarbeit von Zapf (1999).

Fazit der Literaturanalyse (von Rau et al, 2010):
Die Zunahme von Arbeitsunfähigkeitstagen aufgrund psychischer Erkrankungen kann eine Auswirkung von psychischen Arbeitsbelastungen sein.

Studien deuten darauf hin, dass insbesondere
• eine objektiv und subjektiv als hoch bewertete Arbeitsintensität
• ein als gering wahrgenommener Handlungsspielraum für die Arbeitsausführung
• eine gering erlebte berufliche Anerkennung bei gleichzeitig hohen Anforderungen
• mangelnde erlebte soziale Unterstützung und
• wahrgenommener Rollenstress 4

das Risiko von psychischen Beeinträchtigungen bis hin zu Störungen erhöhen.

Die Belastungs- und Beanspruchungsforschung geht also davon aus, dass es psychische Belastungen gibt, die mit einer erhöhten Gefahr von Stressreaktionen einhergehen und daher als Stressoren (Stressfaktoren) angesehen werden.

Diese Stressfaktoren müssen nicht in jedem Menschen Stressreaktionen auslösen. Sie werden aber als Bedingungen angesehen, die die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Stressreaktionen erhöhen.

 




1 nach der Europäischen Norm EN ISO 10075-1 "Ergonomische Grundlagen bezüglich psychischer Arbeitsbelastung - Teil 1: Allgemeines und Begriffe“

2 (EN ISO 10075-1)

3 In Ulich, E. Arbeitspsychologie. Zürich: vdf Hochschulverlag (siehe S. 22 ff.)

4 Rollenstress entsteht entweder, wenn die Rolle des Mitarbeiters/ der Mitarbeiterin nicht klar definiert ist und er/sie keine klaren Informationen über seine/ ihre Rolle hat, und/ oder wenn es konflikthafte Rollenanforderungen an den Beschäftigten durch den Vorgesetzten gibt.

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